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Lebenswerte Plattenbausiedlungen (LPS 2030)

Yorckgebiets-Rundweg als Zukunftsvision (C2025)

Das Pilotbeispiel „Yorckgebietsrundweg“ als Zukunftsvision für „Lebenswerte Plattenbausiedlunen“ ist ein Projektvorschlag von „lebenswertes Chemnitz“ für das Kulturhauptstadtjahr C2025.

Zusammenfassung

Auf einem Rundweg im Chemnitzer Yorckgebiet wird eine Zukunftsvision gezeigt, wie nachhaltiges, klimafeundliches und „lebenswertes“ Wohnen in der „Stadt der Zukunft“ aussehen kann. Mehrfamilienhaus-Viertel sind für nachhaltiges urbanes Wohnen mit Abstand die beste Lösung. Das Chemnitzer Yorckgebiet ist ein sehr gutes Beispiel für das positive Lebenspotential von Plattenbausiedlungen. Der für C2025 entstehende Rundweg im Yorckgebiet lässt erfühlen, warum das Wohnen in Plattenbausiedlungen lebenswerter ist, als zum Beispiel im Einfamilienhaus. Dazu wird der Rundweg mit entsprechenden Wissen zur Vergangenheit, zum IST-Zustand und vor allem zu den Zukunftsvisionen ausgestaltet. Diese „digitale Begleitung/Führung“ auf dem Yorckgebiet-Rundweg erfolgt über „SOL-Infoschilder“ („freie digitale Lernpfade“ des SOL-Projekts). Der Rundweg ist eine Vision für die Zukunft von Plattenbausiedlungen nicht nur in Ostdeutschland, sondern in ganz Europa und wahrscheinlich darüber hinaus. Dies Vision können Gäste ind C2025 auf diesem Weg erleben und mit in ihre Heimat nehmen.

Der Vorschlag der „Guten Tat“ : „Mache einen Spaziergang im Chemnitzer Yorck-Gebiet mit dem Blickwinkel: umweltbewusstes Leben“ zeigt bereits den Rundweg, mit seinen wesentlichen Informationspunkten und Wegabschnitten:
(Video-Dauer: 0:53 min)

Link zur Karte (Map) des Rundwegs im Yorck-Gebiet in Chemnitz. Der Weg wurde mit Blickwinkel „umweltbewusstes Leben“ erstellt und enthält dabei schon die meisten wesentlichen Stationen, um die Zukunftsvision zu verdeutlichen.

Einige Ideen und Konzepte der Vision hinter dem „Yorckgebiets-Rundweg“ werden bereits in Halle-Neustadt im Projekt „Zusammenleben 4.0“ umgesetzt. Diese konkreten Maßnahmen würden hier zu weit führen (hier geht es um die Vermittlung der Zukunfts-Vision).

Attraktives, nachhaltiges Wohnen in Plattenbausiedlungen

Plattenbausiedlungen, auch in Ostdeutschland, driften nach der Wende, nach dem Vorbild westeuropäischer Städte, immer mehr weiter in Richtung Problemviertel ab. Dabei sind gerade die Plattenbausiedlungen in Ostdeutschland oft so geplant und gebaut, dass sie ein „lebenswerteres Wohnen“ gestatten, als in anderen urbanen Bereichen , insbesondere lebenswerter, als in Einfamilienhaussiedlungen.

Chemnitzer Yorckgebiet im Frühjahr
Chemnitzer Yorckgebiet im Frühjahr (Foto: Dirk Liesch, CC-BY 4.0)

Ich nutze beim Yorckgebiets-Rundweg bewusst die ursprünglichen Bezeichnungen zu Zeiten der Planung, des Baus und während der 27-28 jährigen Nutzungszeit bis zur Wende (1989), um das ursprüngliche Konzept zu verdeutlichen, von dem Einiges seitdem zerstört wurde.

Was zeigt uns der Yorckgebietsrundweg ?

  • auf direktem Weg ist jeder Punkt dieses Rundwegs weniger als 1km entfernt. Befindet man sich im inneren Bereich, sind es meist weniger als 500m.
  • Es sind also alle Einrichtungen, Erholungs- und Sportmöglichkeiten fußläufig erreichbar.
  • Es sind in diesem Bereich weder Auto, noch öffentlicher Personennahverkehr, noch Fahrrad oder Roller und Fahrräder mit Hilfsmotor (z.B. eBikes) erforderlich.
  • Auf dem Rundweg passieren wir:
    1. zwei Kaufhallen (heute Diska und Edeka)
    2. mehrere Kinderkombinationen aus Kindergarten und Kindergrippe mit jeweils großem Außengelände (heute teilweise Eigentumswohnungen)

      Kinderkombination Yorckgebiet mit großem Außengelände
      Kinderkombination Yorckgebiet mit großem Außengelände
    3. mehrere 10-klassige Polytechnische Oberschulen, jeweils mit eigenen Turnhallen, Außensportanlagen, Schulhof, Schulgarten und Schulklub, in die Schülerinnen alle von Klasse 1-10 gegangen sind (heute z.B. Montessori-Schule)

      ehemalike Matrossow- und Komarow-Schule mit beiden Turnhallen (POS, 10 klassig)
      ehemalike Matrossow- und Komarow-Schule mit beiden Turnhallen (POS, 10 klassig)
    4. das Versorgungszentrum Yorckgebiet, mit ehemals Kaufhalle, Einkaufsmöglichkeiten, Bibliothek, Post, Friseur, Schulspeisung usw. (heute Yorck-Center)
    5. die Polyklinik (mit den verschiedensten Ärzten in einem Haus) und das Zeisigwaldkrankenhaus (heute Zeisigwaldkliniken)

      Yorckgebiet Polyklinik
      Yorckgebiet Polyklinik
    6. die Schwimmhalle Gablenz, für Freizeit- und Schulschwimmen

      Schwimmhalle Gablenz, Yorckgebiet
      Schwimmhalle Gablenz, Yorckgebiet
    7. zahlreiche Spielplätze die überall im Wohngebiet verteilt waren (heute teilweise Parkplätze, Grünflächen oder ziemlich verfallen)

      Spielplatz, Yorckgebiet, ziemlich verfallen
      Spielplatz, Yorckgebiet, ziemlich verfallen
    8. ehemals öffentlich zugänglich Sportanlagen (heute z.B. eingezäumter Sportplatz Vogelweide, oder Grünflächen, oder verfallen)

      heute eingezäumter Sportplatz Vogelweide
      heute eingezäumter Sportplatz Vogelweide
    9. drei Kleingartensparten: Vogelweid, Zeisigwaldlehne Höhenluft, mit jeweils ihren Gaststätten mit grüner Außenanlage
    10. der Ententeich, als Beispiel für Erholungsbereiche (heute Knappteich)

      Yorckgebiets-Rundweg Chemnitz, Knappteich
      Yorckgebiets-Rundweg Chemnitz, Knappteich
    11. der Zeisigwald als Naherholungsgebiet

      Naherholungsgebiet Zeisigwald
      Naherholungsgebiet Zeisigwald
    12. Altenheim, Pflegeheim (heute Altenpflegeheim „Am Zeisigwald“)
    13. Hinweis: Das ehemalige Kino „Welt Echo“ (ca. 3 min. vom Rundweg entfernt) und das ehemalige „Zeisigwaldbad“ (Freibad, ca. 7-10 min vom Rundweg entfernt) wurden weggelassen, da diese der „Wende“ zum Opfer gefallen sind (bzw. nur der Name „Welt Echo“ in einem anderen Stadtgebiet erhalten wurde).

Ein Beispiel für die negativen Entwicklungen im Bildungssystem seit der Wende ist zum Beipiel der Verfall des Schulhofes (heute teilweise Lehrerparkplatz), des Schulgartens und der ehemaligen Außensportanlagen des Schulkomplexes der Matrossow- und Komarow POS:

verfallener ehemaliger Schulhof der Matrossow und Komarow POS
verfallener ehemaliger Schulhof der Matrossow und Komarow POS

Nachhaltigkeitsbetrachtungen „Plattenbausiedlung“, am Beispiel Yorckgebiet

  • keine Überlastung des ÖPNV in Spitzenzeiten und weniger überflüssigen Fahrten mit ÖPNV, PKWs, Fahrrädern mit Hilfsmotor usw. (Schulbeginn, KITA, Einkaufen für täglichen Bedarf, Sport, Schwimmen, Arztbesuche, Spaziergänge, Gartenarbeit …), z.B. keine „Elterntaxis“ in KITAs und Schule, keine ÖPNV-Schulwege bis Klasse 10
  • 5-10min Fußwege zur Schule, auch zu den Arbeitsgemeinschaften (AGs, heute „Ganztagesangebote“ – GTAs)  am Nachmittag oder Abend (=> 1-2 Stunden Zeitersparnis für die Schüler/Tag). Allein das bedeutet 21-42 Stunden/Monat mehr Zeit für Aktivitäten und Freizeit
  • Zeiteinsparungen auch für erwachsene Bewohner jeden Alters von ca. 4-20 Stunden/Monat (je nach Tätigkeit und Lebenssituation)
  • Minimale Bodenversiegelungen und maximale „Grünzonen“(bezogen auf die Bewohnerzahl) für die Wohngebäude und zur Erreichung der regelmäßig erforderlichen Infrastruktur (Schulen, Kitas, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten)
  • Minimale Imissionen und CO₂-Ausstoß, u.a. auch für Heizen und Warmwasser, durch sehr gute Dämmbarkeit der Wohngebäude und effektive Versorgungsmöglichkeit durch Fernwärme.
  • Optimale Kombination von „großen Bäumen“ im Wohngebiet und Solaranlagen auf den Flachdächern (bei Gebäuden ab 4-5 Etagen) möglich (Bei Einfamilienhäusern heißt es, „entweder Solar oder große Bäume“!)
  • Einfachere Infrastruktur zu Entsorgung und Recycling der „Reststoffe“ (Abwasser, Müll etc.)
  • viel höhere Biodiversität und Vielfalt durch zahlreiche Kleingärten und Naherholungsgrundstücke (kostenfrei für die öffentliche Hand durch die Kleingarten-Besitzerinnen gepflegt), teilweise Selbstversorgung und besseres Wissen zu biologischen Zusammenhängen.
  • Weniger Fahrten, Umweltbelastungen und Ressourcenverbrauch durch weniger Reisen zu externen, intensiven, ressourcenverbrauchenden „Events“ und externen „Unterhaltungsangeboten“

„Parklet“ – Mahnmal für Fehlentwicklungen

Das „Parklet Yorckgebiet“ sollte als „Denkmal/Mahnmal für Fehlentwicklungen“ wieder aufgestellt werden“!

Parklet Yorckgebiet, sollte als Mahnmal wieder aufgestellt werden
Parklet Yorckgebiet, sollte als Mahnmal wieder aufgestellt werden

Während Spielplätze (siehe Bänke auf Spielplatz, Bild oben), Schulgärten und Schulhöfe verfallen, wurden jeweils 5-stellige Summen für „Parklets“, wie obiges im Yorckgebiet, ausgegeben, vor allem um PKW-Nutzer zu ärgern. Dieses Parklet wurde weder durch die Anwohner genutzt, noch „nachhaltig“ errichtet. Es war ein Verkehrshindernis und musste, wie auf dem Bild erkennbar, deswegen extra gesichert werden. Die Vorbeifahrt der PKWs wurde eingeschränkt.

Parklet Yorckgebiet, Verfallserscheinungen nach weniger als einem Jahr
Parklet Yorckgebiet, Verfallserscheinungen nach weniger als einem Jahr

Bereits nach wenigen Monaten zeigte sich die Verrottung des Holzes der Bank (sie schwarze Stellen auf der Liegefläche) durch stümperhaften völlig ungeeigneten Holzschutz. Nach weniger als einem Jahr war der Tisch durch Vandalismus kaputt, nur extrem gefährliche Schraubenspitzen waren über Monate noch als „Tretfallen“ an der Stelle vorhanden, wo vorher der Tisch befestigt war. Dort wo „die grüne Lunge der Stadt“ wuchern sollte, befanden sich weniger als ein Jahr nach der Bepflanzung nur noch „Lebensmittelabfälle“, zum Beispiel inzwischen hochgiftiges verrottetes Hackfleisch:

Lebensmittel Abfälle im Parklet Yorckgebiet
Lebensmittel Abfälle im Parklet Yorckgebiet

Statt also z.B. die Bänke auf den Spielplätzen in Ordnung zu bringen, die früheren Schulgärten wiederzubeleben, Sportplätze wieder für die Allgemeinheit zugänglich zu machen oder das erfolgreiche 10klassige Bildungskonzept des „Chemnitzer Schulmodells“ (CSM) auf mehr „fußläufige“ Schulen im Stadtgebiet „auszurollen“ (siehe „Bildung 4.0“-Konzept des Chemnitzer aracube e.V.), wurden in Chemnitz Unsummen für symbolischen, unwirksammen  „Nachhaltigkeitsblödsinn“ wie dieses „Parklet Yorckgebiet“ ausgegeben, statt wirklich für Nachhaltigkeit aktiv zu werden. Für diese Fehlentwicklung sollte das „Parklet Yorckgebiet“ als Mahnmal wieder aufgestelt werden. (Ich ärgere mich etwas, weil es aufgrund meiner Kritiken entfernt wurde. „Nobody is perfekt“)

Fläche der Frühblüher-Mitmach-Aktion vor der Zeisigwaldstraße 17, Chemnitz

Sozialer Zusammenhalt und Mitmachkultur

Die Wohngemeinschaften (Familien in einem Hauseingang eines Plattenbaus) waren in vielen Fällen eine soziale Gemeinschaft, unterschiedlich starker Ausprägung.
Bis heute werden teilweise Geburtstage, Silvester und andere Events in der Hausgemeinschaft zusammen gefeiert. Die gegenseitige Entgegennahme von Paketen, die Urlaubsbetreuung der Wohnung (Post, Pflanzen gießen etc.) ist im Haus untereinander genauso selbstverständlich, wie das Abholen vom Arzt, das Mitbringen von Einkäufen oder ähnliche nachbarschaftliche Hilfe.
Auch wenn sich das seit der „Wende“ immer weiter auflöst, da wohlhabendere Bevölkerungsgruppen (nach „Wessi -Menthalität“) Plattenbauten eher als Ghettos ansehen, statt als lebenswerte Wohnumgebung, werden nachhaltige Mitmachbrojekte und Mitmachkultur sehr gerne unterstützt, wenn man das denn fördert (statt „Parklets“), wie das Beispiel der Frühblüherfläche vor der Zeisigwaldstraße 17 im Yorckgebiet (im Rahmen der „Frühblüher-Mitmach-Aktion“ entstanden) zeigt.

Aufgrund der größeren „Dichte“ an Kindern und Jugendlichen waren gemeinsame Aktivitäten, wie z.B. Sport (Fußball, Basketball, Federball, Tischtennis usw.), gemeinsame Kino-, Schwimmhallen-, Freibad- und Disko-Besuche (alles fußläufig) selbsverständlich (gelebte Realität, „common sense“) … und natürlich auch einiger „Blödsinn“.

Weitere Vorteile von Plattenbau-Siedlungen

Viele Plattenbausiedlungen in Ostdeutschland werden durch Wohnungsgenossenschaften betrieben, also kostendeckend und nicht profitorientiert. Damit steigen die Mietkosten nur im Rahmen der gesellschaftlichen Inflation (also derzeit trotzdem recht stark), aber systembedingt nur zur Deckung der tatsächlichen Kosten. Bei Schäden und notwendigen Reparaturen reicht bei guten Wohnungsgenossenschaften ein Anruf und das Problem wird kurzfristig behoben.  Bis zur Wende galt der Spruch „Trocken, Sicher und Warm“. Selbst das „Sicher“ ist auch heute oft noch (im relativierenden Vergleich zur Innenstadt) gegeben. Aufgrund des negativen „Vorbilds“ der Plattenbausiedlungen in Westeuropa ist es aber eine gesellschaftliche Aufgabe der Stadt Chemnitz, den negativen Trend beim Thema „Sicherheit“ durch geeignete Maßnahmen zu stoppen. Auch das ist wichtiger als Symbol-Aktionismus wie die „Parklets“.

Wenn man aus dem Gesichtspunkt „helle Wohnräume“ und Nutzung der geografischen Möglichkeiten auf die Wohnblöcke im Yorckgebiet schaut, erkennt man, dass der Ausrichtung der Wohnblöcke (und der Abstände) zuvorige Berechnungen zur Mindestdauer von Sonnen- und Lichteinfall in die Wohnräume (auch im Winter) zugrunde lagen. Die Haup-Wohnräume liegen also auf der Sonnenseite, die Schlafzimmer und „Versorgungsräume“ entweder auf der Schattenseite oder im Innern. Die Grünflächen schließen auf der Sonnenseite an die Häuser an, während sich die Zufahrtsstraße und die Parkplätze auf der Schattenseite befinden.

Es lohnt sich, beim Yorckgebietsrundweg auch auf diese kleineren Dinge zu achten. Wieviel Grün, wieviel mögliche Spiel- und Erholungsflächen, wieviel Potential für soziale Gemeinschaft und Vorteile für Nachhaltigkeit entdeckt Ihr?

Diese Zukunftsvision zu „lebenswerten Plattenbausiedlungen“ sollen die C2025-Besucherinnen aus Chemnitz mit nach Hause nehmen.

Zeisigwald im Herbst
Zeisigwald im Herbst
Dirk Liesch [CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)]
Zeisigwaldschänke in Chemnitz im Schnee bei Nacht (Dirk Liesch, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)

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